Das Forschungsvorhaben
Ein großer Teil der Arbeitszeit von maritimen Field-Service-Ingenieuren fließt in die Erstellung umfangreicher Dokumentationen, wie Arbeitsberichte, Gefährdungsanalysen, Schiffsbegehungen und Factory-Acceptance-Tests. Besonders im Gewährleistungsfall sowie bei der Beurteilung und dem Nachweis des aktuellen Zustands der bordseitigen Systeme sowie von durchgeführten Arbeiten sind derartige Dokumentationen von zentraler Bedeutung. Die Berichte sind dabei die Quintessenz eines Serviceeinsatzes. Sie beschreiben mit Text, Bild und Videos den Ist-Zustand vor einer Reparatur, schildern die Serviceaktivität selbst bis zur Fertigstellung und geben Empfehlungen zum weiteren Vorgehen. Allerdings bindet die zeitintensive Aufgabe der Berichterstellung wichtige Ressourcen und lenkt von der eigentlichen Kernaufgabe der Serviceingenieure ab: der Lösung technischer Probleme beim Kunden vor Ort.
Diese Belastung der Serviceingenieure mit Dokumentationsaufgaben führt zum einen zu Verzögerungen in der Auftragsabwicklung, längeren Wartezeiten auf einen Servicetermin, unzufriedenen Kunden sowie zu verzögerten Zahlungen für die Unternehmen, da die Rechnungsstellung in der Regel erst nach Fertigstellung und Prüfung des Berichts erfolgt. Zum anderen erschwert sich die Nachwuchsgewinnung im Field Service – ein Effekt, der sich durch den zunehmenden Fachkräftemangel verstärkt. Qualifizierte Nachwuchsmitarbeiter sind aufgrund des Dokumentationsaufwandes nur schwer zur Rolle des Onboard-Serviceingenieurs zu motivieren. Außerdem stellen Sprachbarrieren eine Hürde für fremdsprachige Mitarbeiter dar.
Die Berichterstellung erfolgt häufig erst Tage oder Wochen nach der eigentlichen Durchführung der Arbeiten und basiert oft hauptsächlich auf Erinnerungen. Dies führt zu unvollständigen und fehlerhaften Berichten, die Missverständnisse mit Kunden verursachen und Probleme bei der Gewährleistung nach sich ziehen können. Der hohe Zeitdruck und die damit einhergehende mangelnde Detailgenauigkeit beeinträchtigen zudem die Qualität der Berichte erheblich. Im Grenzfall führen sogar falsche technische Schlussfolgerungen zu kapitalen Folgeschäden.
An diesem Hintergrund setzt das Vorhaben Voice-to-Report an: Um die Qualität von Serviceberichten sowie die Geschwindigkeit der Berichterstellung zu verbessern, hat das Forschungsprojekt zum Ziel, ein hochmodernes Assistenzsystem zu entwickeln, das auf spezialisierten KI-Modellen und Wearable-Technologie basiert und Serviceingenieure bei der Berichterstellung unterstützt. Das Assistenzsystem soll die Effizienz und Produktivität von Serviceingenieuren erheblich steigern sowie die Arbeitsbedingungen und die Attraktivität der Arbeitsplätze in der deutschen maritimen Zulieferindustrie deutlich verbessern.
Eines der Kernelemente des Assistenzsystems ist moderne Wearable-Technologie, die es Serviceingenieuren ermöglicht freihändig Audionotizen, Bilder und Videos während der Servicetätigkeit aufzunehmen. Dabei sollen es multi-linguale Spracherkennungs- und Übersetzungsmodelle ermöglichen, dass Serviceingenieure ihre Muttersprache verwenden, um die ausgeführten Tätigkeiten zu dokumentieren. Zudem werden multi-modale KI-
Modelle eingesetzt, um zusätzliche Informationen aus den erfassten Bildern zu gewinnen und diese zu kategorisieren. Ein weiteres Kernelement ist spezialisierte Generative Künstliche Intelligenz (KI), die dafür genutzt wird, die aus den Multimediadaten gewonnenen Informationen automatisch in Serviceberichte zu integrieren.
Das Assistenzsystem wird im Projekt als umfassendes Gesamtsystem in einem Demonstrator umgesetzt. Dieses Gesamtsystem besteht aus mehreren Modulen, die arbeitsteilig von den verschiedenen Projektpartnern entwickelt und im Rahmen des Projekts in einen Demonstrator integriert werden. Gemeinsam mit Serviceingenieuren soll der Demonstrator in Feldversuchen für verschiedene maritime Anwendungsbereiche (z.B. Motorinspektion und Gefährdungsbeurteilung) erprobt und evaluiert werden.

Die folgenden drei Forschungshypothesen (FH) liegen dem Projekt Voice-to-Report zugrunde:
FH1: Der Einsatz eines Assistenzsystems bestehend aus Wearable-Technologie und spezialisierten KI-Modellen führt zu einer signifikanten Reduzierung des Zeitaufwands für die Erstellung von Serviceberichten.
FH2: Die Qualität der Serviceberichte verbessert sich durch die Verwendung des Assistenzsystems in Bezug auf Vollständigkeit, Richtigkeit, Konsistenz, Standardisierung und intelligente Verknüpfung.
FH3: Die Zufriedenheit der Kunden mit der Auftragsabwicklung und dem Service steigt durch schnellere Berichterstellung und kürzere Wartezeiten.
